Obergeschosse der Alten Schule sind seit Jahren verlassen – Blick in eins der ältesten Häuser des Koblenzer Stadtteils
Von Matthias Kolk
Mitten in Bubenheim steht ein ziemlich quadratisches Haus. An zwei Seiten hat es gar keine Fenster. Grauwackewände recken sich in die Höhe, bis Basaltbögen den Giebel zieren. Unten versperrt eine fast 180 Jahre alte Holztür den Weg ins Innere. Im Keller, der nur über einen separaten Zugang zu erreichen ist, hausen vielleicht mehr Spinnen, als hier je Kinder unterrichtet wurden: Die Alte Schule im Koblenzer Stadtteil Bubenheim wird ihrem Namen gerecht. 1848 wurde sie gebaut, seit einigen Jahren steht das Haus (fast) leer. Wer es betritt, begibt sich auf eine Zeitreise zurück bis ins 19. Jahrhundert.
Es gibt Räume im ersten und zweiten Obergeschoss, in denen kann man kaum erkennen, welche bunte, gemusterte oder geblümte Tapete denn nun über die andere geklebt wurde. Eine knarzende Holztreppe führt vom rot-weiß im Schachbrettmuster gefliesten Flur hinauf ins Obergeschoss. Von dort schwingen sich die mehr oder weniger schiefen Stufen in einer S-Kurve weiter bis unters Dach.
Das zweite Obergeschoss wurde schon recht bald und noch im 19. Jahrhundert ausgebaut, weiß Walter Baum, stellvertretender Ortsvorsteher von Bubenheim. Er hat sich viel mit der Alten Schule beschäftigt. Das Gebäude findet er so spannend, dass er sogar ein Buch darüber schrieb, das bald erscheinen soll.
Und es gibt tatsächlich einiges Kurioses über dieses steinerne Quadrat an der Weißenthurmer Straße zu berichten. Unten im Erdgeschoss wurden von 1848 bis ins Jahr 1960 die Kinder aus Bubenheim unterrichtet, die Klassenstufen eins bis acht alle in einem Raum. Zeitweise war ein einziger Lehrer für bis zu 70 Kinder aus dem damals sehr landwirtschaftlich geprägten Ort verantwortlich, sagt Baum.
Heute ist ein Teil des Erdgeschosses der einzige Bereich des Hauses, in dem ab und zu noch Leben stattfindet. In den alten Klassenraum wurde beizeiten mal eine Wand eingezogen, im hinteren Teil befindet sich heute das Büro des Ortsvorstehers. Davor trifft sich in einem kleinen Besprechungsraum der Ortsbeirat. Ansonsten steht das Haus seit 2018 leer, nachdem die letzte Mieterin verstarb.
Ob der Holzboden im Fischgrätenmuster im Erdgeschoss noch der Originalboden ist, weiß Baum – selbst gelernter Schreinermeister – nicht genau. Sicher erst später gebaut wurde aber der Zugang ins Ortsvorsteherbüro. In die Südseite hat man dafür einst ein Loch gerissen, damit der ursprüngliche Eingang auf der Ostseite – der mit der alten Holztür – Mietern der Wohnung vorbehalten war.
Über dem Klassenzimmer wohnte üblicherweise der Lehrer der Schule. Doch wie gut es sich hier wohnen ließ, ist fraglich. Das Haus wurde in einer Schulchronik schon sehr früh als „höchst unpraktisch“ beschrieben. Walter Baum wundert das nicht. „Sie ist wirklich sehr spartanisch gebaut worden“, sagt er und gibt ein Beispiel: Anfangs gab es in der Schule nicht mal ein Klo. Das wurde erst Jahre später außen dran gebaut. Ein Bad für die Lehrerwohnung gab es sogar erst ab 1956 in einem Nebenraum im Erdgeschoss. Wie sich Hausbewohner in den 108 Jahren davor gewaschen haben, bleibt deren Geheimnis.
Heute ist die Wohnung ein Sammelsurium aus Wohnstilen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die dicken Tapetenschichten sind ein Ritt durch Wandbekleidungen, die tatsächlich alle mal angesagt waren. Im Dachgeschoss blättert im Flur die Farbe von den Holzbrettern rund um das kleine Fenster im Flur. Andere Glasscheiben sind mit Spinnenweben verhangen. An einer Wand hängen ausgebleichte Tierfotos, gegenüber grinst eine Asterix-Zeichnung ins leere Zimmer.
Auf der Ostseite ist das Dachgeschoss nur spärlich ausgebaut. Ein stämmiger Dachbalken trennt den Raum in zwei Bereiche. Überreste von alten Postern hängen an einem weiß bepinselten Gemäuer, Stars und Sternchen längst vergangener Tage lächeln auf vergilbtem Papier. Im anderen Teil des Raumes scheint das Licht auf eine große, alte Wandkarte von Palästina. Walter Baum schätzt die Karte, die vermutlich Anfang des 20. Jahrhunderts im Religionsunterricht zum Einsatz kam, auf ungefähr 100 Jahre.
Dem stellvertretenden Ortsvorsteher liegt die alte Schule sehr am Herzen. Gerade jetzt, wo die Pläne für einen neuen Dorfmittelpunkt direkt nebenan konkret werden, rückt dies auch die Alte Schule wieder mehr in den Fokus. Klar ist allerdings: Es gibt einen Grund, warum nach 2018 niemand mehr in die Wohnung eingezogen ist. Zu sehr aus der Zeit gefallen ist hier vieles.
Seit 1993 ist die Alte Schule im Besitz der Koblenzer Wohnungsbaugesellschaft. Einen konkreten Plan, wie es mit dem Gebäude weitergeht, gibt es noch nicht, sagt Heike Krätzig, Assistenz der Geschäftsführung der Wohnbau. Dass das Haus unter Denkmalschutz steht, macht aber so ziemlich jede Idee für die Zukunft komplizierter. Gut möglich also, dass zumindest die Obergeschosse der Schule noch länger menschenleer und verlassen bleiben.
Rhein Zeitung 24.08.2026
